Artikel von meinem eigenen Blog den ich hier auch zur Verfügung stellen möchte:
Man nimmt immer erst denen die Stimme, die eigentlich keine Stimme haben und wenn man etwas kürzen kann oder will ist es immer einfacher den zu bestrafen, der eigentlich sowieso schon wenig bis garnichts hat. In Zeiten in denen darüber gestritten wird warum die Jugend sich an Wochenenden in Alkoholexzessen ins Krankenhaus befördert und in denen Clubs von unter Achtzehnjährigen belagert werden und es immer wieder zu unverständlichen Pöbeleien und Übergriffen von Jugendlichen kommt, stellt sich mir die Frage: Warum man dann die Freiräume, die Jugendliche brauchen und die in den letzten Jahren immer weiter eingeschränkt wurden, weiter dem Erdboden gleich macht?
Böblingen bei Stuttgart ist da wohl momentan eines der Beispiele im Bundesgebiet, das einen wirklich ins grübeln bringt und eines der Beispiele, bei denen man sich beim genaueren Hinschauen an den Kopf fassen muss. Seit fast dreissig Jahren steht dort ein Projekt, des Evangelischen Jugendwerks in Böblingen, das mit eigenem Verein und gut laufenden Events es in den letzten Jahren geschafft hat, sich einen weitgehend soliden Haushalt zu schaffen, der abgesehen von den Räumlichkeiten und der kleineren Zuwendungen aus dem Kulturetat der Evangelischen Kirche in Böblingen, keinerlei Kosten frisst. Im Gegenteil, man hat es in Böblingen geschafft mehrmals im Jahr große Events auf die Beine zu stellen, mit denen man es schafft sich über Wasser zu halten. Jedes Jahr strömen viele Hundert junge Menschen zwischen Weihnachten und Neujahr in die Räumlichkeiten des Club Forum, um bei den sogenannten “Offenen Tagen” alte Bekannte zu treffen, neue Bekannstchaften zu schliessen, zu feiern und zu tanzen und das in einer Atmosphäre die ihres gleichen sucht. Auch strömen jedes Jahr viele BEsucher zum “Forum Open Air” bei dem schon größen wie Kool Savas, 4 Lyn, Creutzfeld und Jakob, Fotos und andere zu Gast waren. Das Line-Up für dieses JAhr steht auch schon und mit JAHcosutix und Ganjaman konnte man dieses Jahr gleich zwei wirklich berühmte deutsche Reggaeartists für einen Auftritt verpflichten.
Das Forum bietet aber nicht nur Events, es bietet auch die Möglichkeiten, dass Jugendliche ein eigenes Event auf die Beine stellen. Bei diversen Abiparties, Discos im Hauseigenen Partykeller, Geburtstagsfeiern und anderen Parties strömen die Besucher in großer Zahl in die Räume des Club Forums. Auch hier ist inzwischen das Club Forum die einzige Möglichkeit geworden, für Jugendliche selbst etwas auf die Beine zu stellen und, nachdem die Jugendhäuser in Böblingen ihre Öffnungszeiten den Jugendlichen Bedürfnissen angepasst haben und Samstags geschlossen sind, Ihre Räume an Elternvereine vermieten und eine Selbstöffnung der Jugendlichen untersagt ist, scheint für viele Jugendliche in Böblingen inzwischen der Gang an den See im Ortskern die einzige Alternative zu sein. Das es hier wiederum zu Problemen kommt braucht man wohl nicht mehr näher zu erläutern.
Und jetzt schliesst sich, nachdem sich die Stadt und das Land schon lange gegen die Jugend gestellt hat, indem sie das Angebot gekürzt hat, auch die Evangelische Kirche in Böblingen an und möchte das “Haus der Jugend” indem das Club Forum beheimatet ist schließen und Verkaufen, damit die Stadt statt Jugendlichen dort Kinder bis 3 Jahre unterbringen kann. Das Angebot neue Räume im Gemeindehaus der Stadtkirche zu bekommen ist dabei kein gleichwertiger Ersatz, weder stehen dort die Räume für Events wie die “Offenen Tage” im Winter oder das “Open Air” im Spätsommer zur Verfügung, noch ist es den Jugendlichen dort möglich auch mal Krach zu machen, wie es in den jetzigen Räumen möglich ist, da man von einer halbwegs abgeschotteten Fläche in Böblingen mitten in die Altstadt verfrachtet werden soll.
Aber damit nicht genug: Anstatt mit den Jugendlichen einen Dialog zu führen und sich über eventuelle Alternativen Gedanken zu machen, musste der Club Forum davon aus der Zeitung erfahren, und das eine Woche vor der letzten Abstimmung im Gesamtkirchengemeinderat der Stadt Böblingen. Entsetzt konnten die Jugendlichen dort lesen, wie über alle Köpfe hinweg eine Einrichtung geschlossen wird. Denn auch wenn es laut dem Dekan der Stadt Böblingen zu neuen Räumen Pläne gibt, bleibt der Club Forum nicht zuletzt durch seine momentane Lage und aufgrund der Räumlichkeiten mit dem Haus verbunden und allen Beteilighten ist/muss klar sein, dass eine Institution auch immer mit der Lage verbunden ist. Eine Umfrage unter Jugendlichen würde mit ziemlicher Sicherheit zu dem Ergebnis kommen, dass das “Haus der Jugend” in Böblingen, den meisten Jugendlichen nur als das “Forum” bekannt ist. DAs Haus bleibt also untrennbar mit dem Club Forum und somit scheint ein Umzug nur das Ende für den Club Forum zu bedeuten.
Die Gründe für den Verkauf liegen wie allzuoft klar auf der Hand. Die Kirche braucht Geld um ihr Gemeindehaus, die “Feste Burg” in Böblingen zu renovieren und zu restaurieren. Möglichkeiten einer anderweitigen Finanzierung sind mit Sicherheit gegeben, wird nicht zuletzt unter der Hand auch davon gesprochen, dass so viele alte Menschen dort getraut wurden und sich stark mit der “festen Burg” verbunden fühlen. Da sollte es ja, ohne dies genauer zu prüfen, möglich sein durch Spendenaufrufe und Ehrenamtliche Arbeit das Haus zu retten. Der Kostenpunkt steht auch schon fest, 2,2 Mio. Euro soll die Sanierung kosten. Etwas mehr als 400.000 Euro will man für das Grundstück bekommen auf dem das “Haus der Jugend” steht. Der Architekt, kann jedoch nicht anfangen etwas zu planen bevor nicht mindestens die Hälfte der Kosten da ist. Umso unverständlicher mit einem Verkauf zu beginnen, der die Pläne für eine Renovierung des anderen Gebäudes nicht wirklich voran bringt.
Am Mittwoch wird nun wohl im Gesamtkirchengemeinderat abgestimmt und damit höchstwahrscheinlich das Ende des Club Forums beschlossen. Was das für Böblingen bedeutet kann man natürlich nur erahnen, aber nachdem in den letzten Jahren das Jugendkulturprogramm in Böblingen immer weiter geschrumpft ist, wird es wohl mit dem Ende des Club Forum zum Stillstand kommen. Denn bereits jetzt findet Jugendkultur in Böblingen fast ausschließlich an öffentlichen Plätzen statt, mit der Schließung des “Haus der Jugend” stirbt dann jede Abiparty, Geburtstagsparty, kleines Konzert, großes Open Air und die geliebten “Offenen Tagen” und die Jugend muss sich neue Freiräume suchen, die allzuoft nur zu Problemen mit der Gesellschaft führen.
Unverständins auch gegenüber den Jugendreferenten des EJW und dem Jugendpfarrer der Stadt Böblingen, die frühzeitig über die Pläne bescheidgewusst haben mussten und die ohne mit der Hugend gesprochen zu haben, wohl keinerlei Versuche unternommen haben, das Haus zu schützen. Noch im Januar und März war von einem Ausverkauf keine Rede als man eine weitere Gruppe ins Haus holte und somit das stattfinden des “Open Airs” und bereits einem gut gelaufenen HipHop-Jam sicherte. Es scheint fast so, als sei es eben jetzt die beste Möglichkeit gewesen sich von einer Gruppe zu trennen, die natürlich Arbeit gekostet hat, die aber auch jedes Jahr ein gutes Licht auf das EJW in Böblingen werfen konnte.
Doch die Jugend hat Ihren Glauben noch nicht verloren, wenn sich dies auch nicht mehr auf die evangelische Kirche in Böblingen bezieht, man ist bereit zu kämpfen auch wenn es fast wie ein aussichtsloser Kampf aussieht, man will sich nicht einfach dem Rotstift beugen und sich von der Landkarte streichen lassen. Leserbriefe in den Zeitungen des Kreis Böblingen und Artikel über den Ausverkauf der Jugendkultur in Böblingen sollen neben dem Besuch des Gesamtkirchengemeinderats in Böblingen der erste Schritt sein. Aber auch sucht man den Dialog mit den Pfarrern, den Gemeinden und dem Dekan direkt, in den Augen der Jugendlichen besteht eindeutig Redebedarf und es ist unverständlich, das dieser gerade in der Kirche nicht in die Wege geleitet wurde. Wenn man allein daran denkt, dass Identifikation mit Dem Club Forum gleichzeitig auch heißt sich mit dem EJW und der Kirche zu identifizieren ist es unverständlich, dass man auf diesem Weg den Jugendlichen die letzte Hoffung Jugendkultur unter dem Dach der Kirche zu gestalten gestrichen wird, nachdem die Städte ja schon lange keine Gelder mehr bereitstellen. Unverständlich wie in einer Institution die schon immer auch Caritative Einrichtungen unterstützt und geleitet hat, jetzt auf Kosten einer der schwächsten Stimmen in unserer Gesellschaft, Geld gestrichen wird.
Jugendkultur in Böblingen ist Jugendkultur im und mit dem Club Forum, hier wird die letzte Stimme der Jugendlichen zum schweigen gebracht. Unverständlich:
Werft eure Perlen nicht vor die Säue!
JAH bless